Projektbesuche 2021

Liebe Leser:innen, 
im September 2021 haben Franziska und Christian, beides Vorstände unseres Vereins, Partnerprojekte in Griechenland besucht. 

Hier findet Ihr einiges an Lesestoff, unsere Besuchsberichte. 
Viel Spaß beim Lesen. 

Natürlich möchten wir hier informieren, aber auch dazu motivieren, unsere Arbeit zu unterstützen. Denn wir sind zu 100% auf Spenden angewiesen und arbeiten komplett ehrenamtlich. 

Medical Volunteers International e.V. 

 
Gemeinsam mit unserer Freundin Vicky Gontria haben wir uns letzte Woche Samstag, nach unserem Besuch im Camp, auf den Weg zu den Lagerräumen und der Klinik der Medical Volunteers gemacht. Vieles kannten wir aus Berichten und von Bildern, doch alles mit eigenen Augen zu sehen und die Menschen vor Ort zu treffen, ist immer ein Highlight. Begrüßt wurden wir von Frank Vogelbacher und seiner Kollegin. Die beiden koordinieren die Ärzteteams, sorgen für die Verteilung von Hilfsgütern und helfen wo sie können. Zwei Möglichmacher:innen.
Über das Lager ist nicht viel zu erzählen. Es liegt abgelegen in einem Industriegebiet und ist eine schlichte Lagerhalle, wo uns als erstes "unsere" Fahrräder aufgefallen sind. Die blauen Räder sollten wir an diesem Tag noch öfter sehen, immerhin sind mehr als 300 dieser Räder in der Region aus Hamburg angekommen. Viele medizinische Produkte und Kleidung werden dort gelagert und von dort an viele andere Organisationen weiter verteilt, die obdachlose Geflüchtete und Menschen in den Camps versorgen.
Vom Lager aus ging es zu der Klinik. "Klinik" - wir stellten uns lange Gänge und strahlend weiße Sauberkeit vor. Dass dem nicht so ist, wurde uns schnell klar, als wir durch eine wilde Müllhalde kamen, auf der ganz offensichtlich Menschen leben. Ohne Wasser, ohne Strom. Doch dazu später.
Die Klinik ist in einem mehrstöckigen Gebäude, inmitten der besagten wilden Mülldeponie und mehreren Bordellen untergebracht. Eine Zwischenlösung - aber eben nah dran an den Menschen, die das medizinische Team erreichen möchte.
Kleine Räume dienen als Behandlungszimmer, in denen drei Ärzt:innen Patient:innen versorgen. Zu tun gibt es alles mögliche: Knochenbrüche, Entzündungen, Läuse, Krätze und vieles mehr. Patient:innen sind häufig Menschen, die aus jeder Versorgung heraus gefallen sind, nachdem es eine Asylentscheidung gab. Das Ergebnis dabei ist egal: ob die Menschen nun Asyl gewährt bekommen oder nicht spielt keine Rolle, sie landen auf der Straße.
Die Ärzt:innen versorgen täglich rund 80 Menschen.
Nicht wenige der Patient:innen sind entschlossen, die Perspektivlosigkeit in Griechenland zu verlassen. Keine Versorgung, keine Arbeit, keine Bildung - nichts. Gerade die jungen Menschen, die hier festsitzen, bilden eine verlorene Generation, wenn sie ihr Schicksal nicht selber wieder in die Hand nehmen. Die Menschen haben Schutz gesucht und finden nichts als Abschreckung vor. Früher oder später werden sie erst Bosnien und mit etwas Glück später Zentraleuropa erreichen.
Auf der selben Etage der Klinik bereitet Wave - Thessaloniki Essen für die Obdachlosen und Bedürftigen zu. Wir durften einer Essensausgabe am Rande der Deponie beiwohnen, allerdings sollten wir uns mit Bildern zurück halten. Darum haben wir ganz darauf verzichtet.
Mit einigen Geflüchteten sind wir ins Gespräch gekommen. Sie erzählten uns von ihren Plänen und Träumen - beeindruckend, dass einige trotz aller unwürdigen Bedingungen die Hoffnung nicht aufgeben. Besonders bewegt hat uns ein obdachloser Geflüchteter, der uns fragte, wie er eine Hilfsorganisation in seiner Heimat Pakistan aufbauen kann. Selber lebt er im Dreck, zwischen Müll, Ratten und ohne Perspektive. "We pray every day for you", sagte er uns beim Abschied. Außerdem wurden wir nach Rose Hansen gefragt, die lange Koordinatorin für die Medical Volunteers war und bei den Obdachlosen unter dem Namen "Mama Rose" bekannt ist.

LeaveNoOneBehind Lesbos

Jenseits jeglichen Urlaubs-Feelings und dem Trubel der wunderschönen Hafenstadt Mytilini befindet sich das Flüchtlingscamp Karatepe II, vielen von euch besser bekannt als Moria II. Und oberhalb dieses Camps arbeiten und wirken, mitten im Industriegebiet, zahlreiche NGOs, mit denen der Konvoi seit Jahren zusammenarbeitet. Eine davon ist Leavenoonebehind, die wir heute besuchen durften und die uns in Person von Patrick Münz eindrucksvolle Einblicke in ihre Arbeit gegeben hat.
Zwei riesige Gebäudekomplexe betreibt die NGO, ein Lagerhaus, das wir regelmäßig mit Sachspenden beliefern und ein bislang noch weitgehend leerstehendes Gebäude, das Raum für viele kleinere Einrichtungen bietet, die sich derzeit im Aufbau befinden. Zwei der aktuellen Projekte sind ein Wasch-Center und ein Duschkomplex. Zahlreiche Waschmaschinen, Trockner und Duschen warten dort auf ihren Einsatz. Die Geflüchteten können dort ihre schmutzige Wäsche hinbringen, duschen und ein neues Paket mit sauberer Wäsche wieder mitnehmen. Das alles geschieht unter Beachtung sämtlicher Corona-bedingten Hygienevorschriften - Abstand, Masken und vorerst Besetzung nur jeder 2. Dusche und Umkleidekabine - und im Rahmen eines detailliert ausgetüftelten Waschkonzepts, das u. a. vorsieht, das getragene Kleidung vor Ort in Wäschebeutel verpackt in nummerierten Spinden hygienisch bis zum Zeitpunkt des Waschens gelagert wird. Das ist notwendig, weil viele BewohnerInnen des Camps von Krätzmilben befallen sind. Ist die Wäsche gewaschen, bekommt jeder seine eigenes Wäschepaket wieder zurück.
Das sind nur zwei Projekte, an denen LeaveNoOneBehind derzeit arbeitet. Wir sind sehr gespannt, was sich weiter entwickeln wird. Unsere Eindrücke haben wir auf diversen Fotos für euch eingefangen.
Aber nicht nur LeaveNoOneBehind arbeitet mit Hingabe und Schweiß daran, das Leben von derzeit rund 4.000 Geflüchteten erträglicher zu machen. Unter Patricks Führung durften wir die direkten Nachbarn, One Happy Family - Community Center, Lesvos, besuchen. Dort finden alle Zuflucht, die dem tristen Camp-Alltag entfliehen wollen, indem sie entweder in der Fahrradwerkstatt selbst Hand anlegen, im Garten werkeln, beim Kaffee oder Kakao entspannen, am Unterricht teilnehmen, wie es zahlreiche Kinder tun, oder zum lesen oder spielen vorbei komme. Das Angebot ist so vielfältig wie die Menschen, die in im Camp leben. Auch diese Eindrücke haben wir mit der Kamera eingefangen.
Nach all diesen Eindrücken haben wir Patrick in die Stadt zur Wave Of Hope Galerie begleitet. Hier werden Malkurse gegeben und jeder, der hier her kommt, hat die Möglichkeit, seine Fluchterfahrungen in Bilder zu fassen - wenn Worte nicht mehr ausreichen...
Patrick Münz wir danken dir sehr für diesen beeindruckenden Nachmittag und deine Zeit, vor allem aber dafür, dass du mit einem unglaublichen Team den Menschen, die auf Lesbos gestrandet sind, ein wenig Hoffnung und Würde schenkst. Wir freuen uns, dass der Konvoi diese wertvolle Arbeit unterstützt und hoffen, dass wir noch lange die Menschen unterstützen können, die ein so würdeloses Dasein fristen. Was ihr und wir schaffen, ist eigentlich Aufgabe der europäischen Regierungen und was alles geht, wenn man will, ist beeindruckend. Wäre der politische Wille da, den Menschen nachhaltig zu helfen - das hat die Corona-Politik der Bundesregierung eindrucksvoll gezeigt - dann wären NGOs wie LeaveNoOneBehind, OneHappyFamily, der Hamburger Hilfskonvoi und viele andere arbeitslos. Wir hoffen, dass es eines Tages so weit ist. Bis dieser Tag kommt, brauchen wir weiterhin eure Unterstützung.

The Hope Project Lesbos

Wir sind sehr beeindruckt von ihrer Arbeit: die beiden versorgen viele geflüchtete Menschen mit dem Nötigsten zum Überleben und zwar nicht lediglich BewohnerInnen des offiziellen Camps, sondern diejenigen, die im sogenannten „Dschungel“ in Zelten leben. Die Kempsons haben ein ausgeklügeltes System zur bedarfsgerechten Verteilung entwickelt und engagieren sich schon seit Jahren für Geflüchtete auf Lesbos.
Neben „dem Nötigsten“ haben sie einen Fitnessraum für Frauen eingerichtet, betreiben einen Friseursalon, eine Näh- und eine herkömmliche Werkstatt. Alles Einrichtungen, die das Leben der BewohnerInnen erträglicher machen und sie dem Camp-Alltag entkommen lässt.
Außerdem betreiben sie eine Kunstschule mit sehr beeindruckenden Ergebnissen (Siehe Fotos). Werden Bilder verkauft, erhalten die KünstlerInnen die Einnahmen. Einige der Bilder wurden sogar vor rund zwei Monaten in einer Ausstellung in Berlin gezeigt.
Vor Ort herrschte eine gute und solidarische Stimmung. Die Volunteers bestehen zum Teil aus Geflüchteten und aus Menschen der Zivilbevölkerung, derzeit aus Hamburg, Australien, Brasilien oder anderswo.
Wir haben uns ausführlich ausgetauscht, und uns wurde alles gezeigt und erklärt, auch von den derzeit dort arbeitenden Hamburgerinnen, die Eric uns liebevoll als „Lazy and Crazy“ vorstellte ? und deren „Heimathafen“ die Seebrücke Hamburg bzw. die Refugee Law Clinic Hamburg ist. Es war schön, die Kempsons und ihr Team kennengelernt zu haben und wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit mit diesem beeindruckenden Projekt.

Naomi Thessaloniki

Naomi ist so viel mehr als "nur" ein Nähprojekt, als das viele von euch es kennen.
Zum Einen ist Naomi der letzte Betrieb in Thessaloniki, der dort vor Ort produziert und zwar nachhaltig! Das Stichwort heißt „Upcycling“ - es entstehen Kleidung aber auch Accessoires wie Taschen und Etuis aus recyceltem Material wie Fahrradschläuchen oder Filzdecken des UNHCR. Es existiert eine eigene Kollektion, entworfen von Zoi Keskinidou, aber auch viele, viele hundert Hosen wurden und werden hier aus Stoffen aus fairer Produktion für Geflüchtete in den Camps genäht. Nachhaltig ist auch, dass dort Geflüchtete an der Nähmaschine ausgebildet werden und ermächtigt werden, in Schneidereien und Kleiderfabriken nach westlichen Standards zu arbeiten. Empowerment vom Feinsten!
Zum Anderen versorgt Naomi Geflüchtete mit dem Nötigsten, das Menschen zum Leben brauchen, unterstützt, wo Not ist. An allererster Stelle stehen die Menschen!!!
Vor ein paar Tagen hat Naomi außerdem eine Job-Messe für Geflüchtete organisiert und Termine zwischen ArbeitgeberInnen und potentiellen ArbeitnehmerInnen koordiniert. Naomi schafft Chancen!!
Dabei platzt das Projekt aus allen Nähten, denn einerseits soll die Produktion vergrößert werden, andererseits ist Naomi, das haben wir eindrucksvoll lernen dürfen, viel mehr als eine Lehrwerkstatt:
Für alle, die aufgrund ihrer persönlichen Situation oder auch der Pandemie nicht in der Nähwerkstatt arbeiten können, stellt Naomi gespendete Haushaltsnähmaschinen zu Verfügung (wovon nicht wenige aus Hamburg stammen und von uns versendet wurden)
Der gute Geist hinter allem ist die wunderbare Dorothee Vakalis, die das Projekt aufgebaut und stets beflügelt hat. Natürlich haben wir uns sehr gefreut und es genossen, dass sie sich abends die Zeit für ein gemeinsames Abendessen genommen hat.



 

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© Christian Grosseholz und Westwind Hamburg e.V.